Achtung – fertig – los: Ost – West Wien 2022!

Text: Wolfgang Schaffer

Seit dem 15. November 2019 ist das Wiener Konzerthaus als Veranstaltungsort des Kongresses Ost-West Wien 2022 vertraglich fixiert. Damit beginnt das eigentliche Ziel, einen Raum der Begegnung zwischen den Menschen unserer Zeit zu schaffen, konkrete Wirklichkeit zu werden. Die Bezeichnung Ost-West Wien steht dabei stellvertretend für die Tatsache, dass sich unser Heimatplanet Erde in einer ganz bestimmten Richtung um die eigene Achse dreht. Diese Drehung bringt für jeweils 12 Stunden Verdunkelung und Finsternis über den Anteil der Erdoberfläche, auf den die Sonnenstrahlen nicht mehr direkt scheinen können. Der Erdenkörper selbst stellt sich dabei als undurchdringliches Hindernis dem Sonnenlicht entgegen. Da sich die Erde unaufhaltsam weiterdreht, kommt uns nach jeder Nacht aus einer Richtung wieder Helligkeit entgegen. Diese Himmelsrichtung hat für jeden Ort der Erde den Namen «Osten»! Mit jedem neuen Tag beginnt ein neuer Anfang der Entwicklung, die in die Zukunft führt. Ost-West Wien soll genau darauf hinweisen, dass wir den Blick voller Hoffnung in die Richtung wenden, aus der uns die Helligkeit eines neuen Anfangs unaufhaltsam entgegenkommt!

Nach hundert Jahren seit der Begründung der Anthroposophie und der damaligen Kulmination ihrer Wirksamkeit in Form eines öffentlichen Kongresses in Wien 1922 wollen wir die Frage stellen: Welche Lebensformen haben sich seither aus den Keimen der Anthroposophie gebildet und über die Schicksalsstürme des 20. Jahrhunderts hinweg lebensvoll erhalten können? Welchen Lebensformen werden wir selbst erst im Licht und in der Wärme des kommenden Tages eine konkrete Gestalt verleihen müssen, um darin neues Leben weiterzutragen? Alles Leben braucht auf der Erde Hüllen, die es seiner Wesenheit entsprechend schützen. Diese Hüllen müssen für die Zukunft gehärtet und befeuert werden, sich aber auch durch eine zeitgemäße Verwandlung entsprechend weiterentwickeln. Diesem Ziel streben wir mit der Veranstaltung des Kongresses Ost-West Wien 2022 zu. Eine erste äußere Hülle haben wir mit der Reservierung des großen Saales im Wiener Konzerthaus für die Pfingsttage 2022 in Raum und Zeit geschaffen.

Bitte melden Sie sich einfach zu diesem Ereignis an! Sie sind damit ein wesentlicher Teil unsereres Weges in eine hoffnungsvolle Zukunft!

Die inhaltliche Konzeption wird gerade erstellt. Der Programmverlauf wird eine reale Vision der relevanten Aspekte für das gedeihliche Überleben unserer Menschheit in das 3. Jahrtausend hinein umfassen. Kunst und ganz besonders Musik wird diese «Komposition der Lebensfelder» zu dem Zusammenklang und der Harmonie erwecken, die wir uns für dieZukunft so sehnlich wünschen.

Möge es uns gemeinsam gelingen, die Verwandlung zu vollbringen!

Ost-West Wien 2022 – Impulse auf dem Weg zum Weltfrieden

Verfasser: Walter Pfluger

Datum: 3. Dezember 2019


Zur Erinnerung:

Es scheint uns sinnvoll, im Vorspann zu den Texten im Blog darauf hinzuweisen, dass diese Texte zwar hohen qualitativen Ansprüchen genügen wollen. Gleichzeitig stellen diese Texte aber nicht die Ergebnisse von tiefgründigen geisteswissenschaftlichen Studien vor.

Wir bitten die Leserinnen und Leser dieser Texte also um Verständnis für mögliche Unzulänglichkeiten, die sich in den Texten finden, und wir danken schon an dieser Stelle für die verständnisvolle Nachsicht.

Diese Texte wollen in erster Linie Anregungen geben zur Lektüre der Vorträge und Reflexion auf den Kongress in Wien von 1922, um im positiven Sinne darauf zu wirken, den Kongress in Wien von 2022 zu einem geistig und künstlerisch wichtigen Ereignis werden zu lassen.

Die Gestaltung der Zukunft obliegt als Aufgabe und Herausforderung uns allen gemeinsam und sei jedem einzelnen von uns ans Herz gelegt.


Anthroposophie und Weltfrieden: welche Rolle kann die Anthroposophie übernehmen?

 

A           Der Kongress in Wien von 1922 als Wegscheide

Zum Verständnis der Rolle und Bedeutung, die wir Rudolf Steiner für das öffentliche Leben in den Ländern, in denen er in erster Linie wirkte, zuschreiben können, ist es wichtig, seinen Weg über die letzten 30 Jahre seines Lebens in der Art einer knappen Skizze nachzuzeichnen.

Ein erster wichtiger Abschnitt in dieser Zeit war mit der Leitung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gefüllt. In dieser sehr fruchtbaren Zeit, etwa von 1903 bis 1913, hat Steiner wichtige Bücher verfasst und auch veröffentlicht, wie die „Theosophie“, „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (beide 1904) und die „Geheimwissenschaft im Umriss“ (1909). Dazu kommen seine vier Mysteriendramen (1910-13) sowie eine Vielzahl von Vorträgen, beispielsweise „Das Christentum als mystische Tatsache“ (von 1902), die sich sehr oft mit den esoterischen Grundlagen und Hintergründen des menschlichen Lebens und historischer, wie auch philosophischer Entwicklungen befassen.

Ein wichtiger Einschnitt ergab sich dabei im Jahr 1912, mit der endgültigen Trennung von der Theosophie und der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Trennung hat sich durch einen schleichenden Prozess der Entfremdung schon seit 1907 vollzogen, als sich Steiner auf dem Kongress in München immer selbständiger und selbstbewusster seiner Aufgabe widmete. Es kann von uns nur vermutet werden, wird aber auch durch Zeitzeugnisse von den Münchener Aufführungen der Mysteriendramen und der Berufung auf die Kunst als treibender Kraft für die geistige Erneuerung der Menschheit bekräftigt, dass diese endgültige Mutation von Steiner sich über die künstlerische Arbeit in München endgültig vollzogen hat.[1] Bildlich gesprochen, öffnete ihm Arbeit an den Mysteriendramen die Pforten seiner Seele für die Botschaft, die aus seinem inneren Drang, um der Menschheit einen neuen Auftrag zu erteilen, sie an ihren Auftrag zu erinnern, der sich aus dem Wesen des Menschen ergeben will.

Dann kam im Jahr 1914 der, für alle Menschen in Europa, entscheidende Einschnitt durch den Ersten Weltkrieg. Steiner hatte während des Krieges Kontakte zu einem guten Teil der wichtigsten deutschen Politiker und versuchte auch als ein offizieller Fürsprecher für Deutschland in der Welt zu wirken, meist durch Vorträge, aber auch in Gesprächen mit Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er wurde jedoch von den Entscheidungsträgern weitgehend abgelehnt und konnte letztlich nicht direkt friedenstiftend wirken, wie er es sich erhofft hatte. Wie wir verschiedenen Vorträgen entnehmen, war diese Erfahrung für Steiner eine persönlich sehr schmerzhafte Erfahrung. Er ahnte wohl schon deutlich, dass sich der verhängnisvolle Lauf der Geschichte für Europa nicht mehr würde umkehren lassen.

Doch Steiner, der die verhängnisvollen Zusammenhänge des Vertrages von Versailles sehr gut verstand und in seinen katastrophalen Auswirkungen voraussah, wollte und konnte nicht aufgeben. Seine Antwort auf diese „chaotische Situation“ hinsichtlich der „sozialen Frage“ in Europa, wie sich Steiner ausdrückte, war 1919 die Entwicklung und Vorstellung der „Sozialen Dreigliederung“, mit der Steiner der Menschheit einen Weg aus dem Chaos und aus den Krisen gewiesen hat. Seine Aussage war sehr klar: wenn die Menschheit nicht diesen Weg wählen und gehen würde, dann würde sie zwangsweise in die nächste Krise hineinfallen. Die Menschheit war nicht bereit, weder geistig noch politisch, diesen Weg zu wählen, der ein Weg der sinnstiftenden und friedvollen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gewesen wäre. Die Folgen davon kennen wir und müssen mit ihnen bis heute leben.

In diese Zeit, zum Ende, oder unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, fallen auch die manchmal polemisch wirkenden Auslassungen Steiners gegen den „Wilsonismus“ und die Gründung des Völkerbundes 1919. Diese Politik der amerikanischen Regierung unter Wilson war von einem ganz wichtigen Prinzip getragen, das den Nationalismus endgültig stärkte und das Recht der Völker, im Unterschied zu Nationen, auf Selbstbestimmung endgültig beendete. Diese internationale Politik, die von Wilson gefordert wurde, führt in letzter Konsequenz das Recht der Intervention und Einmischung von außen in die internationale Politik ein. Sobald die dominierenden und bestimmenden Nationen feststellen sollten, dass eine andere Nation nicht ihren Ansprüchen und Forderungen genügen würde, war das Recht auf Intervention, auch militärischer Art, gegeben. Steiner sagte dazu in einem Vortrag am 18. Dez. 1916: „Und sei es wer immer, der da sagt, er kämpfe für den Frieden und müsse deshalb Krieg führen, Krieg bis zur Vernichtung des Gegners, um Frieden zu haben, der lügt, wenn er sich dessen auch nicht bewusst ist, wer er auch immer sein möge.“ Die Reihe der interventionistischen Kriege, die seitdem geführt wurden, reicht von Korea, Vietnam, über Afghanistan, bis zum Irak, Syrien und Jemen, um nur eine begrenzte Auswahl davon zu nennen.

Im Rahmen dieser knappen Skizze aus dem Lebensweg von Steiner spielt, nach unserem Verständnis, der Kongress von 1922 in Wien eine wichtige Rolle, bzw. zeigt einen entscheidenden Paradigmenwechsel im Wirken von Steiner an. Die Wahl der Themen und Inhalte der Vorträge für den Kongress von 1922 in Wien zeigt sehr deutlich eine Wegscheide an.

Es zeigt sich in diesen, dem Kongress Wien 1922 nachfolgenden Jahren, also von 1922 bis 1925, dem Jahr seines Übertritts in die geistigen Welten, eine Konzentration des Wirkens von Rudolf Steiner auf zwei entscheidende Bereiche an. Zum einen sehen wir Rudolf Steiner unermüdlich wirken für die „anthroposophische Bewegung“ und die Verankerung der Anthroposophischen Gesellschaft im sozialen und wirtschaftlichen Leben in Europa. Dieses „ausgeweitete öffentliche Wirken“ schafft sich im Bau des Goetheanum Ausdruck, beinhaltet aber auch die Stiftung einer Reihe wichtiger Initiativen und Unternehmungen und ihrer geistigen, wie auch institutionellen Festigung oder Begründung. Zu nennen sind hier die die Waldorfschule, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die anthroposophisch erweiterte Medizin, die Naturwissenschaften, Eurhythmie und Kunst, sowie die Einsetzung der Christengemeinschaft.

Zum anderen hatte es Rudolf Steiner unter einem großen Energiesatz und mit bewundernswerter Willenskraft bis zu seinen letzten Tagen seines Wirkens unternommen, am Goetheanum durch die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und mit der Hochschule für Anthroposophie eine neue und zeitgemäße Mysterienschule einzusetzen, um hiermit die esoterische Grundlage des zukünftigen Wirkens der Anthroposophischen Gesellschaft zu bilden.

In diesem Sinne sind auch die Vorträge zu verstehen, die Steiner auf dem Kongress 1922 in Wien gehalten hat. Es war ihm klar, dass er mit einer engeren politischen Perspektive, wie er sie noch bis 1918 in einer Reihe von Vorträgen verfochten hat, unmittelbar nichts erreichen würde. Wollte er seine Absicht jedoch zum Tragen bringen, so musste er sich der Friedenspolitik auf einer höheren Ebene widmen, die über die rein politische hinausging. So handeln die Vorträge von Steiner auf dem Kongress 1922 in Wien also nicht mehr von der Frage des Friedens in Europa, von der Rolle Deutschland als Mittler zwischen Ost und West auch nicht vom Wilsonismus und ähnlichen Themen. Die Vorträge fordern uns vielmehr in einer globalen Perspektive dazu auf, zu einer Verständigung zwischen Ost und West auf der Grundlage des gegenseitigen Verständnisses der jeweiligen geistigen und philosophischen Welten, der sozialen Systeme und der wirtschaftlichen Strukturen zu kommen[2]. Die bewusst vollzogene und fortschreitende Annäherung und Verständigung zwischen den Kulturen und den Denkweisen, die sie prägen wird also als Voraussetzung für die Verständigung zwischen den Völkern gesehen.

B           Antworten der Anthroposophie auf die Forderungen der Zeit

In dieser knappen Skizze zu Steiners Wirken und zur Entwicklung der Anthroposophie in den Jahren 1922 nach dem Kongress in Wien, sollten wir nicht übersehen, dass in den vergangenen einhundert Jahren, also in der Zeit zwischen 1922 und bis heute (also 2019), weitere wichtige Ereignisse stattgefunden und Entwicklungen in Gang gekommen sind, die für die Menschheit von großer Bedeutung sind. Um von den Ereignissen zu sprechen, muss sicher der Zweite Weltkrieg erwähnt werden, der zu einer Art von Neu-Ordnung der Welt geführt hat, die sich seit 1947 an den Institutionen von Bretton Woods orientiert, also Weltbank und IMF, und die mit den Vereinten Nationen (UNO) eine Plattform des globalen Dialogs und Ausgleichs geschaffen hat. Dies bildet das, was in der offiziellen Sprache der neue „Ordnungsrahmen“ genannt wird, und der bis heute noch seine Gültigkeit hat. Anzumerken ist hier noch, dass diese Neu-Ordnung und der „Ordnungsrahmen“ ein Konstrukt unter der Führung der USA ist.

Vielleich noch wichtiger als dieser Ordnungsrahmen sind jedoch die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu sehen, die sich in den letzten hundert Jahren einen Weg gebahnt haben und das Leben der Menschen auf grundsätzliche Weise gewandelt haben. Der Mensch schafft sich zunehmend seine eigene Lebenswelt, das sogenannte Anthropozän[3], in der er sich zur Befriedigung seiner Grundbedürfnissen nicht mehr auf Nahrung, Wasser und Wohnung beschränkt, sondern in der sein Überleben ohne elektrische Energie und elektronische Werkzeuge, sowie die elektronischen Medien nicht mehr gewährleistet werden kann[4]. Dazu kommen noch die modernen Verkehrsmittel, das Auto, das Flugzeug und die Bahnen, ohne die das Funktionieren der modernen Gesellschaften nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig erzielten in diesem Zeitraum die chemische Industrie und die medizinische Forschung derart wirkungsvolle Ergebnisse, dass die Bevölkerung der Erde sich in einem unglaublichen Masse vermehren konnte.

Diese Entwicklungen haben den Menschen in eine Situation geführt, in der seine Verantwortung für Mensch, Natur und Lebenswelt insgesamt immer bedeutender wird. Der Mensch lebt nicht mehr von der Natur und nicht mehr in der Natur, sondern in einer Lebenswelt, die er immer mehr selbst gestaltet und für deren Qualitäten, derer sich der Mensch im guten Sinne erfreuen darf, er immer mehr selbst in der Verantwortung steht.

Diese Entwicklungen, wie wir sie hier kurz skizziert haben, sind im Wesentlichen getrieben von einer materialistisch-intellektuell orientierten Wissenschaft. Es herrscht der Geist des Fortschritts, angetrieben von der Maxime des „weiter-schneller-höher“, der sich an dem Glauben an die Unendlichkeit der wissenschaftlichen, technischen und materiellen Möglichkeiten ausrichtet. Ein unendliches Wachstum und eine immer weiter fortschreitende soziale Differenzierung, zusammen mit einer Verfeinerung der technischen Steuerungsmöglichkeiten und der von Wissenschaft und Forschung zur Verfügung gestellten Instrumente und Techniken, haben sich scheinbar in Gang gesetzt. Das Perpetuum Mobile der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, angetrieben vom menschlichen Intellekt und Geist, ist in Gang gekommen.[5]

Wenn nun aus diesem wissenschaftlich-technischen begründeten Fortschreiten der Menschheit dringende Probleme entstehen, dann gibt es auf den ersten Blick grundsätzlich zwei Möglichkeiten, solchen Problemen zu begegnen. Einmal wird davon ausgegangen, dass technisch verursachte Probleme auch eine technische Lösung finden können. Zum anderen wird angenommen, dass der Mensch sich anpassen, sein Verhalten ändern müsse, aber darüber hinaus nicht viel zu tun sei, denn die Natur ihren Weg gehen und sozusagen an unserer Stelle entscheiden.

Es gibt darüber hinaus jedoch auch noch eine dritte Möglichkeit, die darin besteht, dass der Mensch Verantwortung übernimmt, gleichzeitig aber nicht die Technik über die Lösung technischer Probleme entscheiden lässt, wie es heute zunehmend im Sinne der Künstlichen Intelligenz (KI) gemacht wird. Entsprechend diesem mittleren Weg muss der Mensch, als aufgeklärtes Individuum, selbst entscheiden, aber in einen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang gestellt, einem freien Geistesleben, in dem über mögliche Lösungen für Probleme nachgedacht, gesprochen und entschieden wird, an deren Wurzel die ausschließliche Orientierung an Prinzipien des materialistisch-intellektuellen Fortschritt steht. Dabei kann und sollte der Mensch dann durchaus auch technische Instrumente und Möglichkeiten zur Lösung der Probleme anwenden. Der Mensch bleibt ja immer auch ein homo faber. Das Primat aber hätte auf diesem mittleren Weg der Mensch, und die Verantwortung wäre bei diesem Vorgehen dem Menschen mit seinen aufgeklärten Ansprüchen und abgeklärten Interessen übertragen, und nicht dem Prinzip der technischen Machbarkeit untergeordnet.

Dieser mittlere Weg, der Weg der Anthroposophie, der begangen werden kann, um zu nachhaltigen Lösungen wissenschaftlich-technisch induzierten Probleme zu führen, liegt sicher im Interesse der Menschheit, weil er den Menschen und dessen Wohlergehen als Referenzpunkte sieht. Auf diesem Weg ist also nicht die technische Entwicklung das Ziel, sondern sie wird zum Mittel, das der Mensch einsetzt, um seine Lebenswelt so zu gestalten, dass sie ihm eine menschengemäß optimale Lebenserfahrung ermöglicht.[6]

C           Die friedenstiftende Rolle der Anthroposophie

Wenn wir hier wenigstens kurz auf die Frage der friedenstiftenden Rolle der Anthroposophie eingehen wollen, dann müssen wir einmal die Situation sehen, wie sie für alle Initiativen für den Weltfrieden gegeben sind. Danach aber kommt die Frage auf, was das Besondere in der Antwort der Anthroposophie auf die Frage nach Krieg oder Frieden ist.

Die Situation hat sich grundlegend im Laufe der vergangenen 100 Jahre nicht verändert. Es herrschen Kriege in der Welt und es drohen ständig neue. Die wichtigste Ursache dafür besteht seit einhundert Jahren zunehmend in den Interessen, welche den industriell-militärischen Komplex der USA leiten. Diese Gefahr wurde in den USA selbst nach dem Zweiten Weltkrieg klar erkannt und, u. a. auch vom damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1961, ausdrücklich benannt, als er vor den Verflechtungen und Einflüssen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA warnte und darin eine ernsthafte Bedrohung für den demokratischen Staatsaufbau und für die demokratischen Institutionen sah, wie er sich ausdrückte. Er warnte ausdrücklich davor, dass durch die Einwirkung dieses Komplexes auf Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft die politische Führung veranlasst werden könne, Konflikte eher militärisch als politisch lösen zu wollen.

Diese Situation hat sich bis heute nicht grundsätzlich geändert, sondern hat sich viel eher noch konsolidiert. Durch die Einbindung und weitgehende Synchronisierung der Strategien und Aktivitäten der globalen Finanzindustrie und der großen Finanzkonzerne und Investmentfonds mit dieser Politik, ist diese politische Tendenz übermächtig geworden. Wenn zum heutigen Datum etwa 70% der deutschen und europäischen Konzerne von den globalen Investmentfonds in Besitz genommen sind und von ihnen gesteuert werden, dann ist damit auch die europäische Rüstungsindustrie auf Linie gebracht. Die Schaffung einer europäischen Armee unter Führung der Nato, wie sie derzeit mit Nachdruck und hohem Einsatz vorangetrieben wird, ist dafür der manifeste Ausdruck.

Doch lassen wir hierzu auch noch Frau Sievers-Steiner wenigstens kurz zu Wort kommen, die 1947, also nach dem Ende des 2. Weltkrieges und noch vor der Teilung Deutschlands, in dem Nachwort zur Ausgabe der Vorträge[7] des Kongresses West-Ost 1919 folgendes schreibt: „Nach dem Ende des ersten Weltkrieges war der deutschen Mitte Europas eine letzte Gelegenheit (unsere Hervorhebung) gegeben, sich als selbständiges Wesen in der Polarität der westlichen und östlichen Weltmächte zu behaupten. Vom Tag des Waffenstillstands an (November 1918) erhob Rudolf Steiner seine Stimme, die Mitte zur Selbstbesinnung aufzurufen: nicht neue Machtmittel zum Kampf gegen die Übermächte des Westens und des Ostens aus dem Boden zu stampfen, was doch nur zur neuer Katastrophe führen müsste, sondern kühn die eigene Lebensaufgabe, als Aufgabe des geistig-politisch-wirtschaftlichen Mittlertums, innerhalb der west-östlichen Weltgegensätzlichkeit anzupacken.

Am umfassendsten wurde diese Mahnung ausgesprochen am Wiener Kongress «Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit» vom 1.-12. Juni 1922.

…………..

Der west-östliche Weltgegensatz ist das aktuellste Problem der Gegenwart. Die Gedanken, die sich die Menschen darüber machen, sind überall unzulänglich – verstrickt und verknäuelt in Wirtschaftsinteressen und Machtaspirationen.“

Wenn wir uns dazu heute in die Situation stellen, vor der Eisenhower 1961 gemahnt hat und die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion sei 1989 endgültig herausgebildet hat, dann müssen wir einsehen, dass damit der Weg zum Frieden über demokratische Institutionen, so wie sie derzeit funktionieren, bis auf weiteres versperrt bleiben wird.[8]

Damit kommen wir zu der Frage, was die Anthroposophie und die mit ihr verbundenen Menschen im Besonderen tun können, um heute für den Frieden zu wirken, trotz der skizzierten widrigen Umstände. Dazu eines im Voraus: ob Krieg oder Frieden, das Wirken für das Wohlergehen der Menschen und für ihre Heilung ist eine Aufgabe, die immer bleiben wird. Konkret aber wissen wir, und auch Steiner hat uns darauf wiederholt hingewiesen, dass der Friede nicht durch das Schwert in die Welt kommt. So wie es steht, kommt er auch nicht durch die Politik in die Welt.

Steiner aber weist uns einen Weg, der auf zwei Ebenen, man könnte auch sagen, in zwei Richtungen, von uns beschritten werden muss. Einmal „der Weg hinein“, um uns zu freien Menschen im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ heranzubilden. Und in die andere Richtung „der Weg hinaus“, in den gesellschaftlichen Rahmen, in dem wir durch die aktive Praxis zur Entfaltung der sozialen Dreigliederung beitragen müssen, um das Knäuel des „sozialen Chaos“ aufzulösen, auf das Steiner wiederholt mit Nachdruck hinweist.

Zu dem „Weg hinaus“ macht Steiner in einem Vortrag zu „Degeneration und Untergang unserer Kultur“ vom 14. Dezember 1919, veröffentlicht in GA 194, konkrete Ausführungen, und weist auf folgenden Zusammenhang hin: „Zur Rettung vor dem Zugrundegehen der europäisch-amerikanischen Kultur der Gegenwart ist notwendig die Hinwendung zur Dreigliederung  des  sozialen Organismus“…“als die praktische Seite unseres geisteswissenschaftlichen Strebens in der neuesten Zeit“, weil es notwendig ist, dass „unserer heutigen europäischen Kultur mit ihrem amerikanischen Anhange die Dreigliederung des sozialen Organismus eingefügt werde“; um dann mit der Aufforderung zu schließen, dass wir „so viel als möglich dazu tun, dasjenige  hinzustellen, was wir gewinnen können aus dem praktischen Aspekt der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.“

Soweit es den „Weg hinein“ angeht, hat uns Steiner schon in seiner „Philosophie der Freiheit“ den Weg gewiesen, der uns auch einleuchtend ist, von dem wir wissen, dass er vor uns liegt, den wir aber immer wieder neu verstehen und uns aneignen müssen. Das ist der Weg der individuellen Entwicklung und Entfaltung, der uns durch Erziehung und Selbsterziehung zur Freiheit führen soll. Es ist das Hören auf die innere Stimme, der Dialog mit den geistigen Kräften und Mächten, die unser Leben mitbestimmen.[9] Der Mensch, der sich auf diese Weise erzogen hat, wird zur Gestaltung der Welt im Sinne der „sozialen Dreigliederung“ wirken. Steiner sagt, das sei wie ein „Naturgesetz“, und wir wollen ihm hier folgen, denn es ist uns heute schon klar, dass der freie Mensch, oder wenigstens der Mensch auf dem Weg seiner „Befreiung aus der Unmündigkeit“ jeden Krieg ablehnen muss, um den Frieden mit jeder Faser seines Lebens zu fördern.

Sicher ist dieser Weg, der den Menschen in den Mittelpunkt rückt, nicht einfach zu finden und zu begehen. Vermutlich ist er auch der langwierigste, weil er am Menschen und dessen grundlegender Transformation ansetzt.

Auch hat dieser Weg eine Voraussetzung und geht von der Annahme aus, dass es im Streben des Menschen liegt, zunehmend Verantwortung für seine eigene Welt übernehmen zu wollen. Diese Bereitschaft, ja der Wille zur Verantwortung für das eigene Handeln ist auch nur sinnvoll und wichtig, wenn er zusammen geht mit dem Wunsch nach zunehmender Bildung der Person und Individualität. Denn der Wille, ohne wachsendes Bewusstsein über die Folgen des eigenen Handelns, birgt die Gefahr, größere Probleme zu schaffen und größeren Schaden anzurichten.

Die bessere Welt, die wir uns alle wünschen, eine Welt in der wir glücklicher leben können, setzt also eine geistige Entwicklung voraus, die es uns im Rahmen eines freien Geistesleben erst erlauben wird, volle Verantwortung für die Ergebnisse und Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu übernehmen.

Die Schaffung der besseren Welt ist also keine Utopie, sondern sie ist nur über den Weg der täglichen Praxis möglich, die sich dem Primat des „rechten Lebens“ und der konsequenten Transformation des Menschen widmet, damit dieser erfahren kann, dass in ihm Kräfte wirken, geistige Kräfte, mit welchen er lernen muss so zu leben, dass diese Kräfte heilsam auf das Weltgeschehen wirken können.

[1] Wir verweisen hier auf die Schrift „Rudolf Steiner in München“, von 1961, herausgegeben vom Arbeitszentrum München der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. http://www.anthroposophie-muenchen.de/index.php?id=85&type=0

[2] Wobei hier noch anzumerken bleibt, dass Steiner bei seinen Vorträgen bewusst nicht näher auf die esoterischen Grundlagen seiner Gedanken, Ideen und Vorstellungen eingeht, wie er es in einem Gespräch im engeren Kreise seiner anthroposophischen Freunde deutlich ausspricht.

[3] Der Ausdruck Anthropozän (altgriechisch ἄνθρωπος ánthropos, deutsch, Mensch‘ und καινός‚ neu‘) ist die Benennung einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. s. h. Wikipedia

[4] s. h. Marshall McLuhan, „Automation: Nicht fürs Leben lernen, sondern leben lernen“, in „Kursbuch ins dritte Jahrtausend“, Hrsg. Alvin Toffler, S. 78f.

[5] Die werten Leser werden hier nicht übersehen, dass wir in unserer kurzen Darstellung nicht auf die für geisteswissenschaftlich geschulte oder auch nur sensible Menschen wichtige Frage nach den wesentlichen Geisteskräften eingehen, die für diese Entwicklungen entscheidend sind. Für uns Anthroposophen ist dabei klar und deutlich das Wirken der ahrimanischen und auch der luziferischen Kräfte deutlich, die sich in diesem michaelischen Zeitalter der gesunden geistigen Entwicklung des Menschen entgegenstellen.

[6] Am Beispiel des Klimawandels hat erst kürzlich Andreas Neider auf bemerkenswert klare Weise diese Zusammenhänge dargestellt und auf den mittleren Weg der Anthroposophie verwiesen. Dieser mittlere Weg führt über die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ zusammen mit der persönlichen Entwicklung durch künstlerische und meditative Praxis, zu einer menschengemäßen Gestaltung unserer Lebenswelten. „Belastet unsere Existenz die Erde?“ – https://dasgoetheanum.com › schwerpunkte › abo › 2019/10/25 › belastet-…

[7] Herausgegeben in der GA 83

[8] Herausgegeben in GA 83. Dort findet sich auch ein BERICHT RUDOLF STEINERS IN DORNACH AM 18. JUNI an die Freunde des Goetheanum. Zudem ist die Ausgabe mit einer kurzen Reflexion von Frau Sievers-Steiner ergänzt, die 25 Jahre später, also nach dem Ende des 2. Weltkrieges, und noch vor Gründung der BRD und der DDR, verfasst worden ist.

[9]In dem schon erwähnten Vortrag vom 14. Dezember 1919, veröffentlicht in GA 194, ermutigt uns Steiner und fordert uns folgendermaßen auf: „wir müssen lernen, im Menschen die Quelle zu suchen, aus der heraus sich die Kräfte entwickeln, durch welche die einen oder die anderen göttlichen Wesen an einen herankommen können“.

Bericht zum Kongress «Ost-West Wien 2022» Stand Juli 2019

Sehr geehrte, liebe Damen und Herren Kongressteilnehmer,

wir wollen Sie hiermit über den aktuellen Stand des geplanten Kongresses «Ost-West Wien 2022» in Kenntnis setzen.

Ein herzliches  Dankeschön vorerst ‎für das Vertrauen, dass Sie gemeinsam mit uns so tatkräftig in das Gelingen des geplanten Kongresses gesetzt haben – Dieses Vertrauen ist das größte Kapital, das uns zur Verfügung steht!

Bisher sind ziemlich genau  250 Karten angezahlt worden – Wir hoffen auf weiteren Zuspruch!

Wir hatten Ende Mai ein sehr positives Gespräch mit Herrn Matthias Naske, dem Intendanten des Wiener Konzerthauses. Er steht der Projektidee wohlwollend gegenüber – an den voraussichtlichen Kosten wird das allerdings nichts ändern! Die Vertragsunterzeichnung ist nunmehr für Ende September 2019 vorgesehen.

Somit verlängert sich auch die bisher auf Ende Juni bezogene  «erste Einzahlungsfrist»‎ bis Ende September 2019!

Die Anzahl der verkauften Karten entspricht in Anbetracht der zeitlichen Ferne und  eines bisher fehlenden Programmverlaufes einem Achtungserfolg, reicht aber zur Absicherung der voraussichtlichen Kosten noch nicht aus.

Sicher ist allerdings, dass der Kongress vom 4.- 6.6. 2022 in Wien stattfinden wird!

Bis dahin bitten wir vor allem auch weiter um Mithilfe bei der möglichst weiten und wiederholten Bekanntmachung der Initiative.

Nachfolgenden Text haben wir ‎zuletzt in Österreich veröffentlicht:

‎«Ost-West Wien 2022»

Liebe Freunde in der Anthroposophischen Bewegung‎,

‎wir sind mit den Vorbereitungen zum geplanten Kongress Ost-West Wien 2022 vom 4.-6. Juni 2022 auf einem guten Weg ein kleines Stück vorangekommen.

Bisher sind 250 Karten angezahlt worden – Wir hoffen auf weiteren Zuspruch!

Die aktuellen Informationen sind auf der Homepage www.ost-west.wien‎ auch als Download zur weiteren Verteilung zu finden.

Bitte leiten Sie die Informationen ‎in Ihren Verteilerkreisen weiter‎!

Die Zeit läuft rasch – die größte Hilfe liegt in den nächsten Wochen in einer möglichst weiten Verbreitung der Nachricht: Rudolf Steiner kommt vom 2.- 4. Juni 2022 in der Gestalt der bisher entwickelten Lebensfelder persönlich nach Wien! Wer wollte sich die Gelegenheit entgehen lassen, bei dieser Begegnung ‎‎dabeizusein?

Ganz im Ernst gefragt: Wer von uns würde fehlen, wenn Rudolf Steiner wirklich wie vor hundert Jahren als Einzelperson irgendwo anzutreffen wäre?

‎Wir stehen derzeit in Absprache und Kooperation mit Justus Wittich vom Vorstand am Goetheanum, Gerald Häfner für die Sozialwissenschaftliche Sektion – die medizinische Sektion und die Pädagogische Sektion sind zu einer Teilnahme angefragt – Michael Schmock und dem Vorstand der deutschen Landesgesellschaft, mit ECCE – Europäische Sozialtherapien, Thomas Kraus www.socialartist.events sowie Bernhard Ruf – Notfallpädagogik und Frau Michaela Glöckler von der Initiative Eliant. Eine Zusammenarbeit hat auch Walter Gietzendanner von der regionalen Lenkerschaft der Christengemeinschaft zugesagt.

Vielleicht wollen Sie sich auch konkret mit der Kongressidee verbinden? Die einfachste Form besteht in der Anzahlung einer Teilnahmskarte.

 Bitte melden Sie Sich vor der Einzahlung ‎unbedingt bei der angegebenen Kontaktadresse an! Wir können sonst die Einzahlung nicht bestätigen.

Es gibt eine Zusage von Justus Wittich als Schatzmeister am Goetheanum, die angezahlten Karten im Sinne einer Ausfallshaftung zu verdoppeln. Es lohnt sich, dafür die «große Glocke» anzuschlagen!

Mit herzlichen Grüßen,

Wolfgang Schaffer

Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft-Landesgesellschaft in Österreich

  1. Anmeldung      

Mail: buero@ost-west.wien

Tel.: 0043(0)6766429991

Post: Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft-Landesgesellschaft in Österreich,Tilgnerstr. 3,1040 Wien

  1. Einzahlung 

HERMES-Österreich

Geistgemäße Geldgebarung

Wiener Bundesstrasse 63a

5300 Salzburg – Hallwang

Konto: 8122Ost-WestWien2022

IBAN: AT861953000100630000

BIC: SPAEAT2S

Der Anthroposophische Kongress von 1922: Das geistige Umfeld in Wien im Rückblick

Text: Walter Pfluger

Wenn wir uns geistig einlassen wollen auf den kommenden Kongress Ost-West Wien 2022, dann gibt es keinen besseren Ausgangspunkt, keine bessere Grundlage, als die Vorträge, die Rudolf Steiner auf dem WIENER KONGRESS DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG vom Jahre 1922 gehalten hat.[1] Sie sind für uns also der erste Bezugspunkt.

In dem BERICHT RUDOLF STEINERS IN DORNACH AM 18. JUNI an die Freunde des Goetheanums verweist Steiner auf das Wesen von Wien, das dem Kongress von 1922 eine besondere Aufgabe zugeteilt habe, und auf diese Weise wohl auch das Thema bestimmt hat, das der „Westlichen und östlichen Weltgegensätzlichkeit“ gewidmet ist und sich der Frage widmet, wie „Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie“ gefunden und aufgezeigt werden können.

Es ist also hier ganz dezidiert kein Thema, das sich um Ost-West Europa dreht, sondern um „Verständigung, (die) über die ganze Kulturwelt kommen muss“.

Dieser globale Anspruch wird auch noch einmal deutlich, wenn wir uns die Kapitel vor Augen führen, welche die einzelnen Themenbereiche der insgesamt 10 Vorträge von Steiner untergliedern.

Da nennt Steiner den dritten Vortrag „Anthroposophie und Weltorientierung“ und fragt nach „Ost-West in der Geschichte“. Im siebten Vortrag, welcher der Soziologie gewidmet ist, spricht Steiner über „Die Zeit und ihre soziale Gestaltung“ mit einem besonderen Augenmerk auf die „Atlantische und Pazifische Kultur“. Diesem folgt der achte Vortrag der „Die Zeit und ihre sozialen Mängel“ aus der Sicht von Steiner aufzeigt und den Fokus auf den geographischen Raum „Asien-Europa“ legt. Der neunte Vortrag wiederum widmet sich der westlichen Kultur und zeigt „Die Zeit und ihre sozialen Hoffnungen“ als das große Thema und die große Aufgabe, sozusagen den aktuellen Auftrag, für „Europa-Amerika“. Bevor dann der zehnte Vortrag „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ zusammenfasst, eines der großen Themen, die Steiner in dieser Zeit nach dem 1. Weltkrieg besonders bewegt haben.

Wir wollen uns also auf diesen Rahmen, der durch die Vorträge Steiner und ihre Struktur vorgegeben ist, einlassen. Dies scheint uns gewinnbringend und Erkenntnis fördernd, weil wir davon ausgehen dürfen, ja müssen, dass Steiner die Inhalte und die Struktur der Vorträge mit Vorsatz gewählt hat. In diesem Sinne wollen wir uns also fragen, was Steiner gesagt hat, und was er als Botschaft den Menschen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben wollte. Dies führt dann dazu, uns zu fragen, was er uns sagen wollte, als den Menschen in der „Anthroposophischen Bewegung“ in dieser Zeit des beginnenden dritten Jahrtausends der Zeitrechnung. Dieser direkte Bezug auf die Vorträge von Rudolf Steiner ist uns also wichtig, wobei wir zudem im Auge behalten wollen, dass unser eigenes Verständnis natürlich auch immer zeitgeprägt ist. Dies hat direkt mit dem Entwicklungsgedanken zu tun, der für die Anthroposophie ja insgesamt von zentraler Bedeutung ist. Wie wir von Steiner wissen, findet Entwicklung nicht nur in der drei-dimensionalen physischen Welt, sondern auch in der geistigen Welt statt.

Dazu kommt aber noch ein weiterer Aspekt, den wir hier auch so gut wie möglich ins Auge fassen sollten. Es geht um das besondere Umfeld, das Wien seit dem Beginn der michaelischen Zeit, also seit 1879 bis zum Jahr des Kongresses, also 1922, dargestellt hat. Auf dieses geistige Umfeld zur Zeit des anthroposophischen Kongresses von 1922 wollen wir einen Blick werfen, wollen wir im Rückblick schauen. Wir tun dies deshalb, weil die Art, wie Steiner das Thema für den Kongress angesetzt hat und wie er dann die Vorträge inhaltlich ausgeführt hat, nach unserem Verständnis sehr viel mit diesem geistigen Umfeld im Wien von 1922 zu tun hat. Nach unserem Verständnis sind es in erster Linie drei besondere Ereignisse und Eigenheiten, die uns zum Verständnis des Umfeldes zentral erscheinen, und die sozusagen den Rahmen abstecken in dem wir das Wien des Jahres 1922 sehen müssen.

Im Zentrum steht sicher, als erstes wichtiges Element zum Verständnis dieser Zeit in Wien, der 1. Weltkrieg von 1914-18, der ja durch Ereignisse im Reich der Habsburger Monarchie seinen Ausgang genommen hat. Dieser Krieg war die „Urkatastrophe“ Europas, und sein Ausgang ein wichtiges Zeichen für die dramatischen Ereignisse, die schon allzu bald nachfolgen sollten.

Hinzu kommt hier im Jahre 1918 die faktische Auflösung der Habsburger Monarchie, und, wir sollten dies nicht unterschlagen, auch des preußisch-deutschen Kaiserreiches. Zu diesem wichtigen Thema hat sich Steiner selbst in einer ganzen Reihe von Vorträgen immer wieder geäußert, auch schon während des 1. Weltkrieges. Ganz wichtig in der Biographie Steiners ist hier auch sein mutiger Versuch, nach dem Ende des Krieges direkt auf den Verlauf der Geschehnisse einzuwirken. Nicht ohne Grund hat Steiner auch immer wieder auf die esoterischen Hintergründe der Ereignisse hingewiesen, die sich in der symptomatologischen Lektüre und Analyse der geschichtlichen Ereignisse als eine Einkreisung „der mittleren Völker Europas“ gezeigt hat, betrieben durch die Westmächte, auch mit Hilfe der Manipulation Russlands, insbesondere durch Frankreich.

Durch den Ausgang des 1. Weltkrieges und den anschießenden Vertrag von Versailles ist den deutschsprachigen Staaten und Völkern die politische Grundlage entzogen, auf der sie, aus der Sicht von Steiner, ihre Mittlerrolle in Europa hätten spielen sollen.[2] Die Unvernunft hatte gesiegt und dem „sozialen Chaos“ -ein Ausdruck, mit dem Steiner wiederholt die Situation charakterisiert- den Weg gebahnt.

Als zweites Thema und zentrales Element, das zum Verständnis des Umfeldes in Betracht gezogen werden muss, wollen wir hier die Zusammensetzung und das Zusammenspiel der europäischen Völker anführen, die Steiner grob gesehen aufteilt in den Westen, mit den angelsächsischen Ländern, dann den insbesondere durch die slawischen Kulturen in Russland und Polen geprägten Osten und schließlich mit den deutschsprachigen Ländern in der Mitte, die eine Rolle der Vermittlung zwischen dem Osten und dem Westen der europäischen Kulturen übernehmen sollten. Zu diesem Thema gibt es inzwischen eine recht gute historische Forschung, von der wir hier nur die Arbeiten von Andreas Bracher anführen wollen, weil sich dort auch die Quellen zu weiteren Fragestellungen innerhalb dieses Bereiches finden.

Entscheidend scheint uns hier, auf die anscheinend polemische Position zu verweisen, die Rudolf Steiner zum „Wilsonismus“ eingenommen hat, weil diese Politik, die damals eingeleitet wurde, unsere globale politische Situation bis heute ganz stark prägt. Diese Auseinandersetzung kann man nur verstehen, wenn man sieht, dass Steiner diese Doktrin von Wilson und das Streben nach der Schaffung eines „Völkerbundes“, dem Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen (UN), als Symptome ansieht, bei denen es darum geht, die dahinterstehenden Interessen und Absichten genauer zu verstehen. In diesem Sinne steht der Wilsonismus für Steiner für eine kalte Politik des Nationalismus, der den Völkern und ihren Kulturen kein Recht auf Selbstbestimmung mehr lässt. Diese implizite Absicht des Wilsonismus schließt ebenfalls mit ein, dass insbesondere die Völker Mittel- und Ost-Europas ihr Selbstbestimmungsrecht verlieren und den strategischen Absichten des angelsächsischen Imperialismus und Kapitalismus geopfert werden. Ganz wichtig ist zudem, dass eine der global entscheidenden Folgen des 1. Weltkrieges, der Eintritt der USA als wesentlicher Mit-Gestalter der europäischen Politik, Wirtschaft und auch des kulturellen Lebens, hervorzuheben ist. Steiner hatte dagegen ein Staatenbund vorgeschwebt, der das Selbstbestimmungsrecht der Völker respektieren würde, und auch auf die Eigenheiten der Völker Rücksicht nehmen und so die Entfaltung der Kulturen ermöglichen würde.

Als drittes zentrales Element wollen wir die Rolle anführen, welche die Wissenschaft und ihre Entwicklung in dieser Zeit in Wien gespielt hat, mit ihren wichtigen und vielleicht richtungsweisenden Auswirkungen auf die gesamte moderne Wissenschaftsgeschichte. Nach den ersten beiden genannten, eher exoterisch, politisch-gesellschaftlich zu verstehenden Elementen, die das Umfeld des Kongresses West-Ost 1922 geprägt haben, kommt also noch weiteres zentrales Element hinzu, dem ebenfalls große Bedeutung für den Charakter des Kongresses sowie die Struktur und den Inhalt der Vorträge zukommt. Wir wollen hier verweisen auf das besondere geistige Umfeld, das Wien seit dem Beginn der michaelischen Zeit, also seit 1879 bis zum Jahr des Kongresses im Jahre 1922, geprägt hat. Im Rahmen dieses Aufsatzes wollen wir dazu nur erste Hinweise vermitteln. Das Thema soll dann zu einem späteren Zeitpunkt noch weiter vertieft werden.

Wien war zu dieser Zeit, das heißt in den letzten 40 Jahren der Habsburger Monarchie, geprägt von einem äußerst produktiven und kreativen wissenschaftlichen und kulturellen Leben.[3] Aus der Sicht der Wissenschaftsgeschichte ist es nicht zu viel gesagt, wenn man in Wien die geistige Quelle für die gesamte moderne Wissenschaft des 20. Jahrhunderts sieht. Dessen war sich Steiner sicher bewusst, denn wir wissen, dass ihm, bezogen auf das Geistesleben in Europa, keine wichtige Strömung und Bewegung verborgen geblieben ist. Wenn Steiner sich diese geistige Situation in Wien nicht zum Thema des Kongresses gewählt hat, so dürfen wir nicht vergessen, dass es Steiner ja nicht um Wissenschaftskritik ging, sondern um die Gründung einer neuen Wissenschaft, die Begründung eines neuen Denkens und einer neuen Weltanschauung[4], der neuen Geisteswissenschaft oder Anthroposophie.

Ganz wichtig ist hier aber der Hinweis, dass es sich bei dieser modernen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts, die ihren Geistesgrund im damaligen Wien gefunden hatte, um genau die Geisteshaltung und Weltanschauung handelte, welche die materialistische und mechanistische Wissenschaft unserer Zeit bis heute geprägt hat. So hat sich selbst Einstein, der ja selber nie in Wien gewirkt hat, noch auf Ernst Mach berufen, der ein Mit-Begründer und eine wichtige Figur für den „Wiener Kreis“ war. Die von Freud begründete Psychoanalyse sollten wir hier ebenso wenig unterschlagen, wie den von Karl Popper proklamierten Positivismus der Wissenschaften und der Philosophie. Es wird auch kein Zufall sein, dass Ludwig Wittgenstein just im Jahre 1922 seinen Tractatus logico-philosophicus verfasste, und dieses geistige Denkmal der positivistischen Wissenschaft im Jahre 1923 erstmals veröffentlichte, übrigens auf englisch.

Besonders bemerkenswert ist hier für unseren Zusammenhang, dass die Begründer und Verfechter des wissenschaftlichen und philosophischen Positivismus schon sehr früh die Grenzen ihres Denkens und ihrer Weltanschauung erkannt haben. Jedoch haben sie den Weg aus der Falle, in die sie geraten waren, nicht gefunden. Selbst wenn sie Steiner auf dem Kongress von 1922 gehört hätten, es wäre kein einfacher Schritt gewesen, an dem Hüter der Schwelle vorbeizuschreiten, um das bisherige wissenschaftliche Wissen als einen zwar wichtigen, aber nur exoterischen Teil dessen anzuerkennen, was Geisteswissenschaft als dem Menschen zugängliches Wissen versteht.

Wittgenstein hat nach seinem „Tractatus“ erst einmal eine Auszeit genommen und als einfacher Dorfschullehrer und Gärtner gearbeitet, bevor er einem Ruf nach Cambridge folgte, um seine Sprachphilosophie zu entwickeln und „der Fliege den Weg aus der Fliegenfalle“ zu zeigen.

Im „Wiener Kreis“, dessen Konstitution sich seit 1921 anbahnte[5], versammelte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern und Intellektuellen aus den Bereichen der Philosophie, der Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, der Mathematik und Logik auf der Grundlage einer Weltanschauung und Denkweise, die als Logischer Empirismus galt. Dort wurden auch Seminare zu Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus und zur Principia Mathematica von Whitehead und Russell veranstaltet. Als dann 1926 Rudolf Carnap als Privatdozent nach Wien geholt wurde, diskutierte man dort intensiv dessen Schrift Der Logische Aufbau der Welt.

Im September 1922, gerade 66 Jahre alt geworden, hält Freud seinen letzten öffentlichen Vortrag in Berlin, weil bei ihm eine Krebserkrankung am Kiefer diagnostiziert wurde.

Ein andere wichtige Persönlichkeit aus dem Wien dieser Zeit ist Wilhelm Ostwald, der hier stellvertretend für die Wissenschaftler genannt werden soll, die schon früh die Grenzen ihres Weltbildes sahen, denen es aber noch nicht möglich war, diese Grenzen auch zu überschreiten. Wilhelm Ostwald war Chemiker und arbeitete auf dem Gebiet der Katalyse, 1909 erhielt er für seine Forschungen den Nobelpreis. Er versuchte schon früh das Feld der „Energetik“ populär zu machen. Noch wichtiger aber sind die Arbeiten eines seiner Schülers, Alwin Mittasch, der in aller Stille, neben seiner hervorragenden Position bei der BASF, seine eigenen Forschungen zur Katalyse betrieb. Mittasch zeigt sehr deutlich, „dass im Reiche des Lebendigen eine Gesetzmäßigkeit waltet, die chemisch und physikalisch nicht erschöpfend beschrieben werden kann. Es existiert eine „Obergesetzlichkeit“ des Lebens, die der Schicht chemisch-physikalischer Prozesse übergelagert ist.“ Weiter heißt es in dem Text: „Bilden somit Wörter wie „Lebenskraft“ und „Entelechie“ zulässige Grenzbegriffe der biologischen Wissenschaft, so ist  Naturphilosophie versucht, nach Ursprung und Sinn solcher höheren Gesetzlichkeit des Lebens zu fragen; und man wird kaum anders können, als (…) u. a. seelenartige Ziel- und Richtkräfte anzunehmen“.

Diesem Thema werden wir uns mit unserem nächsten Aufsatz in einer vertieften Analyse widmen.

[1]                Herausgegeben in der GA 83. Dort findet sich auch ein BERICHT RUDOLF STEINERS IN DORNACH AM 18. JUNI an die Freunde des Goetheanum. Zudem ist die Ausgabe mit einer kurzen Reflexion von Frau Marie Steiner-von Sievers ergänzt, die 25 Jahre später, also nach dem Ende des 2. Weltkrieges und noch vor Gründung der BRD und der DDR, verfasst worden ist.

[2]            Wie Frau Steiner-von Sivers ihren Mann Rudolf Steiner in der Note zur Ausgabe der GA 83 aus der Erinnerung zitiert, und in eigener Reflexion anführt, ist der Zugang zu einer Position, in der die deutschsprachigen Völker diese Mittlerrolle einnehmen könnten, durch das Drama des Nationalsozialismus und den 2. Weltkrieg dann endgültig versperrt.

[3]            In seiner Autobiographie beschreibt Stefan Zweig diese Zeit sehr eindringlich als eine Periode in der Geschichte, die geprägt war von einer Freiheit des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens, das eine Frucht der Habsburger Monarchie gewesen ist und ein geistiges Klima ermöglichte, das den Grund für ein freies Europa hatte legen können.

[4]            Dieser Begriff ist zentral in den Vorträgen von Steiner, die ja für eine breite Öffentlichkeit bestimmt waren. Er bezieht ihn explizit auch auf die Anthroposophie.

[5]            Schon vor dem 1. Weltkrieg hatte sich ein informeller, erster „Wiener Kreis“ konstituiert, der aber mit dem Krieg seine Aktivitäten einstellte.

Der Schritt in die Zukunft – Eine angekündigte Evolution!

Text: Wolfgang Schaffer

Die Anthroposophische Gesellschaft in Österreich hat sich dazu entschlossen, in der Zeit vom 4.- 6. Juni 2022 einen internationalen Kongress unter der Bezeichnung Ost – West Wien 2022 in Wien anzuberaumen. Für diese Zeit haben wir das Wiener Konzerthaus als Veranstaltungsort zur Gänze reserviert. Dieser Rahmen entspricht ungefähr den Verhältnissen von 1922.

Schon jetzt gibt es die konkrete Möglichkeit, sich durch den Teilkauf einer Eintrittskarte für den Kongress 2022 aktiv an dessen Realisierung zu beteiligen. Diese Anzahlung beträgt pro Teilnehmer 100€. Der Vollpreis wird voraussichtlich 220€ betragen.

Wenn sich bis Juni 2019 eine genügend große Anzahl von Menschen wirklich – das heißt durch eine Anzahlung von 100€ – für eine Teilnahme an dem Kongress interessieren, kann die Größenordnung beibehalten werden. Falls die zur Absicherung benötigte Anzahl bis zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht wird, kommt ein entsprechend verkleinerter Rahmen in Betracht. Die angezahlten Beträge werden dann entweder zurückerstattet oder an die neuen Gegebenheiten angepasst.

Im Gegensatz zu Revolutionen, die aus der Not und Aussichtslosigkeit gesellschaftlicher Zustände oft unvermittelt und gewaltsam ausbrechen, hängt der Erfolg einer bewusst gewollten Evolution ganz von der Einsicht und der Entschlusskraft selbstverantwortlich handelnder Menschen ab. Wir hoffen mit dem dargestellten Vorhaben einen ersten zarten Lebenskeim als Kristallisationspunkt in die Welt zu setzen, der jetzt je nach Echo aus dem Umkreis wachsen und gedeihen kann.

Wer die Initiative «Ost-West Wien 2022» durch die Anzahlung einer Eintrittskarte oder mit einer Spende unterstützen will, wird gebeten, den entsprechenden Betrag auf das untengenannte Konto zu überweisen. Wir sind für jede Hilfe dankbar! Es ergeben sich auch jetzt schon fortlaufend Kosten.

Ost-West Wien 2022

Text: Wolfgang Schaffer

«Nach dem Osten muss der schlummernde Geist zu vollem Leben erweckt, nach dem Westen das geistlose Wirtschaften beseelt werden»1

Im Jahr 1922 fand in Wien der bis dahin größte öffentliche Kongress der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Rund 2000 Menschen kamen in der Zeit um Pfingsten im goldenen Saal des Wiener Musikvereins zusammen, um Rudolf Steiner zu dem Thema «West – Östliche Weltgegensätzlichkeit – Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie» sprechen zu hören. Dazu gab es an zehn aufeinander folgenden Abendvorträgen reichlich Gelegenheit. Dieser Schwerpunkt wurde tagsüber durch Vorträge, Kurse und Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen aus der Natur- und Geisteswissenschaft unter der Leitung von namhaften Wissenschaftlern aus dem Umkreis der Anthroposophischen Gesellschaft ergänzt. Dazu kamen noch künstlerische Veranstaltungen und Eurythmie. Der inhaltliche Bogen, den Rudolf Steiner im Rahmen seiner Ausführungen spannte, reicht von Naturwissenschaft, Psychologie, Geschichte, Geographie und Kosmologie über Pädagogik bis hin zu dem Gebiet der Soziologie mit den Aspekten sozialer Mängel, sozialer Hoffnungen und den «Kernpunkten der sozialen Frage». Wenn man sich in die Zusammenhänge vertieft, die Rudolf Steiner vor seinen Zuhörern vor fast 100 Jahren ausgebreitet hat, kann man über den Inhalt seiner Aussagen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen oft nur staunen. Der Weitblick lässt sich schwer mit herkömmlichen Mitteln erklären. Woher hatte Steiner zum Beispiel damals die Idee zu sagen: «Es muss wiederum eine Zeit kommen, wo jede Einzelheit des Lebens interessant wird. War sie früher interessant durch das, was sie als Objekt war, so wird sie für eine Zukunft interessant werden können, indem wir bei jedem einzelnen, was wir vollbringen, wissen können, wie es sich eingliedert in die soziale Ordnung der Menschheit. Wir werden, während wir früher auf das Produkt geschaut haben, jetzt auf den des Arbeitsprodukts bedürftigen Menschen schauen»2

„Ost-West Wien 2022“ weiterlesen

Ginko Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
meinem Garten anvertraut,
gibt geheimen Sinn zu kosten,
wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
dass man sie als eines kennt?
Solche Fragen zu erwidern
fand ich wohl den rechten
Sinn: Fühlst Du nicht an meinen Liedern,
dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe